Hartwin, ECHO und GWRA - Untätigkeit als Option
Veröffentlicht von Gordina@brightbooks.de in Meeresökologie · 5 Juli 2026
Tags: #Hartwin, #ECHO, #GWRA, #Klimawandel
Tags: #Hartwin, #ECHO, #GWRA, #Klimawandel
Sichtungen in nordeuropäischen Gewässern:
- 18. Januar – 2. Februar 2026: Niederlande
- 13. Mai: Lofoten, Norwegen
- 23. Mai: Moray Firth, Schottland
- 3. Juni: South Shields, England
- 5. Juni: Schelde, danach Kruiningen, Niederlande
- 18. Juni: Dänische Gewässer, sich anscheinend in Richtung Flensburg bewegend
Fotos von Hartwins erster Sichtung im Januar zeigen einen großen weißen Fleck auf seinem Rücken, der möglicherweise von einer Verletzung stammt. Neuere Aufnahmen aus den Niederlanden und Dänemark deuten darauf hin, dass sich der Zustand seiner Haut verschlechtert haben könnte.
Nach Einschätzung von Carl Kinze, Walexperte am Dänischen Naturhistorischen Museum, könnte es sich um eine Infektion mit Parasiten oder Pilzen handeln, oder aber um ein einfaches natürliches Wachstumsmuster.
Bis heute erfolgte keine umfassende Beurteilung des Gesundheitszustands des Wals, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass eine veterinärmedizinische Behandlung überhaupt erwogen wird.
Die Walschutzorganisation Stranded No More hatte vorgeschlagen, zur Diagnosestellung eine Blasprobe zu nehmen, und, falls indiziert, ein Antibiotikum zu verabreichen, welches das Gehör des Wales nicht schädigt.
Ob sich Hartwins Zustand je verbessern wird, ist ungewiss. Der niedrige Salzgehalt der Ostsee ist für seinen Zustand schädlich.
Trotz der zurückgelegten Strecke und der erfolgreichen Navigation entlang der dänische Küste, während der er tagsüber ruhte und nachts schwamm, haben verschiedene Experten eine negative Prognose abgegeben, darunter Meeresbiologe Heiko Buch-Illing, Walexperte Carl Kinze und Meeresbiologe Fabian Ritter.
Buch-Illing und Meeresbiologe und Walforscher Peter T. Madsen vertreten sogar die Ansicht, dass in Not geratene Buckelwale in Zukunft häufiger auftreten werden, da sich die Buckelwalpopulation erholt habe.
Walschützer hingegen bemängeln das offensichtliche Fehlen von Rettungsprotokollen für Großwale, die eine veterinärmedizinische Behandlung benötigen und fordern, angesichts steigender Walnotfälle, eine bessere Vorbereitung.
Noch immer betreiben verschiedene Länder kommerziellen Walfang, darunter Norwegen und Japan. Island jagt Wale, und die Färöer-Inseln, ein eigenständiges Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark, jagen Grind- und andere Kleinwale in dem traditionellen grindadráp, nicht aber Buckelwale.
Die Situation erinnert stark an die Jahre vor Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Damals ging man davon aus, dass schiffbrüchige Seeleute nicht gerettet werden konnten. In Küstenorten und auf Inseln war man generell der Auffassung, dass man nichts für die Verunglückten tun konnte, außer für ihre Seelen zu beten. Aber ihre Ladung, die von gestrandeten Schiffen an den Strand geworfen wurde, weckte Begehrlichkeiten, selbst Plünderungen waren nicht selten, obgleich es bereits erste mutige Rettungen gab.
Jahrhunderte später folgen die Reaktionen, diesmal auf gestrandete oder in Not geratene Meeressäuger, derselben fatalistischen Logik. Experten schlussfolgern unmittelbar, dass ein Meeressäuger auf gar keinen Fall gerettet werden kann, anstatt zu prüfen, ob ein veterinärmedizinischer Eingriff eine Option wäre.
Demgegenüber wurde Timmys Kadaver bedenkenlos von Dänemark verarbeitet und für die Herstellung von Biodiesel und Zement genutzt, anstatt den toten Wal wenigstens der See zu überlassen.
Im Laufte ihres Lebens binden Großwale rund 33 Tonnen Kohlendioxid in ihren Körpern. Wenn sie eines natürlichen Todes sterben und zum Meeresboden sinken, bleibt dieses Kohlendioxid Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende im Sediment gebunden und gerät nicht mehr in die Atmosphäre.
Der sogenannte "Walsturz" spielt zudem eine wichtige ökologische Rolle. Ein einziger Kadaver kann spezialisierte Ökosysteme der Tiefsee mit einer großen Bandbreite an Meeresorganismen zwischen 50 und 100 Jahre lang mit Nahrung und Lebensraum versorgen.
Als Teil der "Walpumpe" ernähren sich Wale in tieferen Schichten des Meeres und kehren dann an die Oberfläche zurück, um zu atmen. Dadurch düngen ihre nährstoffhaltigen Exkremente das Phytoplankton, mikroskopisch kleine Meeresorganismen, die mehr als die Hälfte des Sauerstoffbedarfs der Welt durch Photosynthese decken, dabei erhebliche Mengen an Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen und uns somit beim Kampf gegen den Klimawandel unterstützen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich durchaus argumentieren, dass der Verlust eines einzelnen Großwals nicht einfach mit dem Hinweis abgetan werden sollte, es gäbe ‚noch mehr Wale im Meer‘.
Die Lebenserwartung vieler Walarten ist der des Menschen vergleichbar und übersteigt diese in einigen Fällen sogar. Finn- und Blauwale leben üblicherweise etwa 80 bis 110 Jahre, während Grauwale eine Lebensspanne von ungefähr 50 to 70 Jahren erreichen. Buckelwale können zwischen 40 und 90 Jahre alt werden, und beim Nordkaper wird vermutet, dass er 130 bis 150 Jahre werden kann. Zwergwale leben im Allgemeinen 30 bis 50 Jahre, Narwale 40 bis 60 Jahre, und Orcas können bis zu 90 Jahre alt werden. Der Grönlandwal ist der langlebigste von allen, wobei von einzelnen Tieren bekannt ist, dass sie älter als 200 Jahre geworden sind.
Es ist unwahrscheinlich, dass die in der Nord- und Ostsee gesichteten Wale alle schlichtweg das Ende ihrer natürlichen Lebenserwartung erreicht haben, zumal die Altersbestimmung bei lebenden Walen für die Forschung nach wie vor eine Herausforderung darstellt.
Neuere Studien, darunter Untersuchungen der Universität Plymouth und des südafrikanischen Rates für wissenschaftliche und industrielle Forschung (CSIR), weisen darauf hin, dass die Phytoplankton-Biomasse in vielen Teilen der Weltmeere zurückgeht. Veränderungen in den Walpopulationen und beim Phytoplankton sind durch komplexe ökologische Prozesse eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig.
In diesem Jahr sind bereits mindestens 51 Wale entlang der nordamerikanischen Pazifikküste gestrandet. Viele von ihnen waren abgemagert.
Angesichts dieser Entwicklungen hinterfragen Walschützer, ob der fortgesetzte Walfang und das Unterlassen tierärztlicher Versorgung für in Not geratene Wale mit den umfassenderen Bemühungen zum Schutz der Meeresökosysteme vereinbar sind. Können wir es uns leisten, weiterhin Jagd auf Wale zu machen, während wir gleichzeitig tatenlos zusehen, wenn wir auf einen gestrandeten oder verletzten Wal stoßen?
Das von Stranded No More entwickelte ECHO-System, das Wale und Delfine von der Ostsee fernhalten soll, basierend auf drei Säulen
Überwachung & Erkennung
Ein KI-gestütztes Überwachungsnetzwerk kombiniert fest installierte Küstensensoren mit Berichten von Küstengemeinden, Seglern, Fährbesatzungen und Fischern. Unterstützt durch die Citizen-Science-Plattform „Whale Detective“ ermöglicht es die Erkennung und Verfolgung von Bartenwalen nahezu in Echtzeit.
Abschreckung
Nicht-invasive Abschreckungsmethoden, u.a. ausgerichtete akustische Signalgeber und Blasenschleier, sollen verhindern, dass Meeressäuger weiter in Richtung Küste ziehen. Die Wirksamkeit von Blasenschleiern wurde bereits 1985 bei der Rettung des Wals Humphrey unter Beweis gestellt.
Begleitung/Guiding
Für Wale, die bereits in geschlossene Gewässer gelangt sind, setzen geschulte Schnelleinsatzteams nicht-invasive Techniken ein, um sie zurück auf die offene See zu leiten. Dieser Ansatz priorisiert ein rasches Eingreifen, um das Risiko einer anhaltenden Strandung zu minimieren.
GWRA
Die Global Whale Rescue Alliance (GWRA) soll ein Netzwerk werden, bei dem die Rettung an erster Stelle steht. Der Schwerpunkt liegt auf schnellem Eingreifen, kontinuierlicher tierärztlicher Versorgung, Nachverfolgung nach Freilassung, Transparenz und Zusammenarbeit mit den Behörden.
Sie beruht auf folgenden Grundbausteinen:
Auftrag: Maximierung der Überlebenschancen gestrandeter Großwale durch rasche Rettung, tierärztliche Behandlung und Freilassung.
Verfahrensweisen: Arbeit Hand in Hand mit den zuständigen Behörden.
Sechs Grundprinzipien:
- Keine routinemäßige Euthanasie
- Kein Zurücklassen – Wale werden nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern erhalten bei Bedarf kontinuierliche Pflege.
- Sofortige tiermedizinische Intervention – Kein Aussitzen.
- Nachverfolgung nach Freilassung – Zu diesem Zweck wird Stranded No More einen Sender entwickeln, der nicht an der Rückenflosse festgeschraubt oder in sie hineingeschossen werden muss.
- Transparenz – detaillierte Dokumentation und Veröffentlichung der Ereignisse.
- Schnelligkeit – Keine Verzögerungen, um dem Tier die bestmöglichen Überlebenschancen zu geben.
Ob ein solches System zügig etabliert wird, hängt von der Resonanz der Behörden und Experten ab. Die Umsetzung könnte Jahre dauern, oder ein solches System wird vielleicht nie eingerichtet. Priorisiert man den Plan jedoch, könnte es relativ schnell einsatzbereit sein. Die Coronakrise hat gezeigt, dass Technik rasch einsatzfähig ist, sobald die Notwendigkeit besteht.
Untätigkeit, trotz der prekären Lage, scheint dennoch für einige Meeresbiologen weiterhin eine gute Option zu bleiben. Schließlich gibt es viele Fische im Meer.
Weitere Informationen:
Stranded No More (D/E): https://strandednomore.org/echo/
Eine App zum Melden von Walsichtungen: https://taucher.net/magazine/9882/show/?fbclid=IwY2xjawS4oDtleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBMVUdYM2hzTEZ0TXlLUXAxc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHnz6EM0g4J1kObKHYTvy6EbwxbWBM8LG5-TA1qPSbu8-wTwCuSjFHeKTkH6B_aem_IwhHT0xVTdD3BWBKd9hfkg
Englisch: Early season sightings and strandings of gray whales in Washington indicate this species is in more trouble than we thought - https://cascadiaresearch.org/2026-early-season-gray-strandings/
https://www.theinertia.com/environment/california-whale-deaths-surge-2026-analysis/xEnglisch: Declining phytoplankton: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adx4857
